Säuglingssterblichkeit Kapitel 1.4.4 [Gesundheit in Deutschland, 2006]
[Geschlechtsspezifische Sterblichkeit Kapitel 1.4.3] [Welche Faktoren beeinflussen die Gesundheit? Kapitel 2] [Abstrakt] [Inhaltsverzeichnis] [Literaturverzeichnis]
1.4.4 Säuglingssterblichkeit
Die Säuglingssterblichkeit ist in den 1990er Jahren kontinuierlich gesunken. Die Säuglingssterblichkeit in Deutschland ist in den 1990er Jahren kontinuierlich gesunken und lag im Jahr 2004 bei 414 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeborenen (siehe Abbildung 1.4.7). Dabei haben Jungen mit 450 Sterbefällen schlechtere Überlebenschancen als Mädchen (375). Im Jahr 2004 starben insgesamt 2.918 Säuglinge, davon waren 1.629 Jungen und 1.289 Mädchen.
Abbildung 1.4.7
[123]
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Der Rückgang der Säuglingssterblichkeit (Rate) zwischen 1990 und 2004 entspricht einer Minderung um 41 Prozent (neue Bundesländer, ohne Berlin-Ost: 46 Prozent; alte Bundesländer und Berlin-Ost: 40 Prozent).
In Deutschland sterben weniger Säuglinge als im EU-Durchschnitt. Nachdem die Säuglingssterblichkeit in Deutschland (alte Bundesländer) in den 1960er Jahren noch deutlich höher als in den meisten westlichen Industrieländern gelegen hatte, begann sie in den 1970er Jahren durch Mutterschaftsvorsorgeuntersuchungen und bessere Schwangerenbetreuung sowie verstärkte Früherkennung von Krankheiten im Säuglingsalter zu sinken.
Inzwischen liegt die Säuglingssterblichkeitsrate in Deutschland im europäischen Vergleich im unteren Drittel (siehe Abbildung 1.4.8). Noch besser schneiden Spanien, Schweden und Finnland ab. Nach den aktuellsten Zahlen sind sowohl die Frühals auch die Spät- und die Nachsterblichkeitsraten in Deutschland niedriger als im EU-15-Durchschnitt.
Abbildung 1.4.8
[124]
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Neben dem Geschlecht beeinflussen soziale Faktoren die Säuglingssterblichkeit. Der generelle Rückgang der Säuglingssterblichkeit hat auch die Unterschiede verringert, die zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen bestehen. Dabei sind jedoch nur Aussagen zur Ehelichkeit bei Geburt, zur Staatsangehörigkeit und zum Geschlecht des Kindes möglich.
So lag das Sterberisiko im Jahr 1995 im Westen Deutschlands für nichteheliche Kinder nahezu doppelt so hoch wie im Gesamtdurchschnitt. Auch ausländische sowie männliche Säuglinge waren von einer erhöhten Säuglingssterblichkeit betroffen, allerdings in geringerem Maße als die nichtehelichen Kinder.
Insgesamt starben im Jahr 1995 je 100.000 Lebendgeborene 640 nichteheliche und 510 eheliche Kinder. Hinsichtlich der Staatsangehörigkeit lag die Zahl der Verstorbenen bei 650 nichtdeutschen und 510 deutschen Kindern, hinsichtlich des Geschlechts bei 590 männlichen und 460 weiblichen Säuglingen [125] .
Die Unterschiede in Bezug auf Staatsangehörigkeit und Geschlecht sind zwar weiterhin vorhanden, aber inzwischen deutlich schwächer ausgeprägt. So starben in Deutschland im Jahr 1999 pro 100.000 Lebendgeborene 540 nichtdeutsche und 440 deutsche Säuglinge. Noch geringer ist der Geschlechterunterschied: Im Jahr 2004 verstarben pro 100.000 Lebendgeburten 450 männliche und 375 weibliche Säuglinge.
Hinsichtlich der Ehelichkeit hat sich das Verhältnis gegenüber 1995 sogar umgedreht. So starben im Jahr 2004 je 100.000 Lebendgeborenen 237 nichteheliche und 482 eheliche Kinder.
Auch von Bundesland zu Bundesland variiert die Säuglingstodesfallrate. In Hamburg und Bayern war im Jahr 1990 die Säuglingssterblichkeit am geringsten, in Berlin und Rheinland- Pfalz am größten. Im Jahr 2004 dagegen fanden sich die niedrigsten Raten in Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg, die höchsten in Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Insgesamt ging die Säuglingssterblichkeit zwischen 1990 und 2004 in allen Bundesländern zurück (siehe Abbildung 1.4.9).
Abbildung 1.4.9
[123]
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Zu leichte Frühchen sterben häufig in der ersten Lebenswoche. Die Frühgeburt und ein (oft damit verbundenes) geringes Geburtsgewicht erhöhen das Sterberisiko neugeborener Kinder. Rund drei Viertel der Sterbefälle bei Neugeborenen mit einem Gewicht unter 1.000 Gramm sowie etwa die Hälfte der Sterbefälle bei Kindern mit einem Gewicht zwischen 1.000 und 2.500 Gramm ereignen sich innerhalb der ersten Woche nach Entbindung [126] .
Ein zu geringes Geburtsgewicht und eine zu frühe Geburt können durch Zigaretten- und Alkoholkonsum in der Schwangerschaft sowie durch spätes Wahrnehmen der Vorsorgeuntersuchungen begünstigt werden.
Der plötzliche Säuglingstod wird seltener und lässt sich fast völlig vermeiden. Beim plötzlichen Säuglingstod ( Sudden Infant Death Syndrome , SIDS) handelt es sich um den unvermutet eintretenden Tod gesunder Säuglinge, der sich weder durch die Krankengeschichte oder die äußeren Umstände des Todes noch durch eine umfassende Obduktion erklären lässt. Der plötzliche Säuglingstod kommt vornehmlich zwischen dem 28. Lebenstag und dem Ende des ersten Lebensjahres vor, besonders häufig zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat. Häufig gehen harmlose Atemwegskrankheiten voraus.
In den 1980er Jahren stiegen in Westdeutschland sowohl die Zahl der plötzlichen Todesfälle als auch ihr Anteil an der gesamten Säuglingssterblichkeit. Mit 1.283 Fällen im Jahr 1990 (1,4 Fälle pro 1.000 Lebendgeburten) war der plötzliche Säuglingstod für rund ein Fünftel der Säuglingssterblichkeit verantwortlich. 1995 lag der Anteil in Deutschland mit 751 Sterbefällen nur noch bei 1,0 Fällen pro 1.000 Lebendgeburten und ist inzwischen auf 323 Fälle im Jahr 2004 (etwa 0,5 Fälle pro 1.000 Lebendgeburten) gesunken. Zum Rückgang des plötzlichen Säuglingstodes haben Informations- und Präventionskampagnen entscheidend beigetragen.
Nach verschiedenen Studien tritt der plötzliche Kindstod vermehrt auf, wenn die Mütter zur Unterschicht gehören, jung sind oder kurz zuvor bereits ein Baby geboren hatten. Bei männlichen Säuglingen ist das Risiko um etwa 50 Prozent höher als bei weiblichen (SIDS-Fälle 2004: 200 Jungen, 123 Mädchen).
Wenn das Kind in Bauchlage schläft oder überwärmt ist und wenn die Mutter während der Schwangerschaft oder in der Umgebung des Kindes raucht, kommt es offenbar häufiger zum plötzlichen Säuglingstod. Die Deutsche Akademie für Kinderheilkunde empfiehlt daher in Übereinstimmung mit internationalen Empfehlungen: Säuglinge sollten im ersten Lebensjahr in Rückenlage schlafen; Säuglinge sollten so ins Bett gelegt werden, dass ihr Kopf nicht durch Bettzeug bedeckt werden kann; Säuglinge sollten im elterlichen Schlafzimmer, aber im eigenen Bett schlafen; Säuglinge sollten sowohl vor als auch nach der Geburt in einer rauchfreien Umgebung aufwachsen; Raumtemperatur und Bettdecke sollten so gewählt werden, dass es für das Kind angenehm, das heißt weder zu warm noch zu kalt ist.
Internationale Erfahrungen belegen, dass sich der plötzliche Kindstod durch diese Maßnahmen nahezu vollständig vermeiden lässt [127] . So gibt es in den Niederlanden inzwischen nur noch 0,1 Fälle von plötzlichem Säuglingstod pro 1.000 Lebendgeborenen.
Definition
Die Säuglingssterblichkeit bezeichnet die Rate der im ersten Lebensjahr
versterbenden Kinder. Sie ist ein wichtiges Maß für den allgemeinen
Lebensstandard und die Qualität der medizinischen Versorgung.
Die Säuglingssterblichkeit wird meist als Zahl der Todesfälle pro
100.000 oder 1.000 Lebendgeborenen angegeben.
Die Frühsterblichkeit ist die Rate der innerhalb der ersten Woche nach
Entbindung versterbenden Neugeborenen. Sie betrifft vor allem Kinder,
die frühgeboren und untergewichtig sind, mit Fehlbildungen zur
Welt kommen oder unter den Folgen von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen
leiden.
Die Spätsterblichkeit meint die Rate der im Alter von sieben bis 27
Tagen
versterbenden Neugeborenen.
Die Nachsterblichkeit bezeichnet die Rate der im Alter von 28 bis 364
Tagen versterbenden Säuglinge.
Literatur
| 123 | Statistisches Bundesamt (2005) Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung |
| 124 | WHO (2006) HFA-DB European Health for all Database. Kopenhagen |
| 125 | Statistisches Bundesamt (1998) Gesundheitsbericht für Deutschland. Mätzler Poeschel Wiesbaden, S. 55 |
| 126 | Robert Koch-Institut (Hrsg) (2004) GBE-Schwerpunktbericht: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. RKI, Berlin |
| 127 | Poets C, Jorch G (2000) Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinderheilkunde und Jugendmedizin zum Thema "vermeidbare Risikofaktoren für den plötzlichen Säuglingstod". Monatsschrift Kinderheilkunde 11: 1.065 bis 1.066 |
Tabellen mit den Werten aus den Abbildungen 1.4.7
[123]
, 1.4.8
[124]
und 1.4.9
[123]
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| Jahr | Deutschland |
Alte Länder
(mit Berlin-Ost) |
Neue Länder
(ohne Berlin-Ost) |
|---|---|---|---|
| 1990 | 705 | 698 | 738 |
| 1991 | 688 | 675 | 787 |
| 1992 | 617 | 604 | 738 |
| 1993 | 584 | 578 | 646 |
| 1994 | 560 | 553 | 629 |
| 1995 | 530 | 527 | 551 |
| 1996 | 498 | 492 | 548 |
| 1997 | 486 | 486 | 494 |
| 1998 | 467 | 463 | 493 |
| 1999 | 454 | 458 | 423 |
| 2000 | 438 | 445 | 396 |
| 2001 | 431 | 442 | 355 |
| 2002 | 422 | 425 | 403 |
| 2003 | 423 | 431 | 374 |
| 2004 | 414 | 416 | 398 |
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| Jahr | Deutschland | Niederlande | Großbritannien | EU-15 |
|---|---|---|---|---|
| 1990 | 7,05 | 7,08 | 7,86 | 7,60 |
| 1991 | 6,88 | 6,50 | 7,35 | 7,41 |
| 1992 | 6,17 | 6,29 | 6,58 | 6,87 |
| 1993 | 5,84 | 6,29 | 6,34 | 6,47 |
| 1994 | 5,60 | 5,66 | 6,19 | 6,07 |
| 1995 | 5,30 | 5,46 | 6,18 | 5,63 |
| 1996 | 4,98 | 5,74 | 6,09 | 5,48 |
| 1997 | 4,86 | 5,04 | 5,86 | 5,22 |
| 1998 | 4,67 | 5,19 | 5,69 | 5,06 |
| 1999 | 4,54 | 5,23 | 5,78 | 4,90 |
| 2000 | 4,38 | 5,13 | 5,58 | 4,75 |
| 2001 | 4,31 | 5,37 | 5,48 | 4,70 |
| 2002 | 4,22 | 5,02 | 5,23 | 4,53 |
| 2003 | 4,23 | 4,80 | - | 4,46 |
| 2004 | 4,14 | 4,39 | - | - |
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| Region | 1990 | 2004 |
|---|---|---|
| Schleswig-Holstein | 6,8 | 4,1 |
| Hamburg | 6,1 | 3,9 |
| Niedersachsen | 7,0 | 4,4 |
| Bremen | 7,4 | 4,2 |
| Nordrhein-Westfalen | 7,7 | 5,0 |
| Hessen | 6,2 | 4,4 |
| Rheinland-Pfalz | 8,1 | 4,2 |
| Baden-Württemberg | 6,4 | 3,4 |
| Bayern | 6,2 | 3,4 |
| Saarland | 6,6 | 4,2 |
| Berlin | 8,2 | 3,9 |
| Brandenburg | 7,4 | 4,2 |
| Mecklenburg-Vorpommern | 7,2 | 4,2 |
| Sachsen | 6,7 | 3,4 |
| Sachsen-Anhalt | 8,0 | 4,0 |
| Thüringen | 8,0 | 4,6 |
| Deutschland | 7,0 | 4,1 |
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